Die Stiefgeschwister des Menschen

Adalbert Stifter hat Tiere einmal versuchsweise als „Stiefgeschwister des Menschen“ verstehen wollen und in einem schönen Text sein Verhältnis zu diesen Wesen beleuchtet: „Obwohl ich von meiner Jugend daran gewöhnt worden bin, wenn ich in einem Buch las, wo von der Seele der Tiere die Rede ist, die armen Dinge schlichtweg abgefertigt zu sehen, dass sie nämlich Sinne, sinnliches Streben, aber keine Vernunft haben, so glaubte ich es schier von Jugend auf nicht und beobachtete sie lieber, ob ich nicht Erscheinungen an ihnen entdecken könnte, die mich eines Besseren belehrten, oder vielmehr, ich setzte an ihnen schon alles voraus, was ich selber in mir hatte, nur dass sie’s nicht so verstunden wie ich, und wenn ich ihre Tätigkeiten sah, so leitete ich sie von denselben Trieben und Beweggründen her wie die meinigen. Denn sonst hätte ich ja nicht mit ihnen reden und ihnen Vorstellungen machen können … – kurz, das Tier war mir ein in eine mehr oder minder unkenntliche Knospe eingewickelter Mensch, den wir an uns locken und ein wenig erziehen können, worauf er dann manche unserer Neigungen und Torheiten teilt, wie das Pferd und der Hund.

Wie sehr ich in diesen Voraussetzungen meiner Kindheit recht hatte oder nicht, weiß ich in diesem Augenblick noch nicht, nur die Tatsache muß ich bekennen, dass ich noch immer in Beobachtung begriffen bin und dass ich noch immer mit Tieren, denen mich der Zufall näher bringt als andern, gern rede und auf ihre Antworten Bedacht nehme.

Da habe ich nun allerlei erfahren, aus dem zwar nicht hervorgeht, dass das Tier ein Mensch sei, aber doch, dass es sehr ähnlich einem Kinde sei, das stets ein Kind bleibt, und dass es in seinem Innern und Bereiche Dinge habe, von denen wir uns nicht träumen lassen… .“1

Überhaupt stellt sich angesichts der von Ernst Stark geschnitzten Tiere die Frage, inwieweit diese mit dem Mensch in einer Welt und der gleichen Zeit leben. Können wir heute noch von der einheitlichen Welt der klassischen Wissenschaft, in der alles an seinem hierarchisch geordneten Platz ist, ausgehen? Oder sollten wir nicht besser von einer unendlichen Vielzahl von Wahrnehmungswelten sprechen und uns fragen: In welcher „Welt“ lebt die Kuh, das Pferd, der Flamingo oder der Schmetterling? Was ist für sie von unserer objektiven Umwelt relevant? Wie verschieden ist ihre Welt von derjenigen des Menschen? Wie sind beide Welten miteinander verbunden? Konstituiert und definiert nicht jedes Wesen seine Welt neu und anders? Und wohin führt eine solche Differenzierung letztlich? Auch wenn uns klar ist, dass es keinen Wald als objektiv festlegbare Umwelt gibt, sondern einen Wald für den Förster, einen Wald für den Jäger, einen Wald für den Botaniker, einen Wald für den Spaziergänger, einen Wald für den Naturschwärmer, einen Wald für den Holzleser und schließlich einen Märchenwald, in welchem sich Rotkäppchen verirren kann, ist es dennoch sinnvoll, die Tiere wieder in unserer Welt und mit unseren Augen zu betrachten.

Andreas Bee


1: Adalbert Stifter: Zur Psychologie der Tiere.
In: Gesammelte Werke in 14 Bänden, hrsg. von Konrad Steffen, hier: Band 14, Vermischte Schriften, Schilderungen und Betrachtungen, S. 10 –15, Basel 1972. Siehe auch: Thomas Zaunschirm, Im Zoo der Kunst II, Kap. X., „Das Tier im Menschen – Was sind Taubstumme und Neger?“, Kunstforum International, Bd. 175 April – Mai 2005, S. 70

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