In Schönheit leiden

Wir alle brauchen Verbündete. In dieser und der anderen Welt. Dem hl. Sebastian haben sich die von der Pest Befallenen, die Eisenhändler, Töpfer, Gärtner, Gerber, Bürstenbinder, Stadt- und Gemeindepolizisten, die Schützenbruderschaften, Soldaten, Kriegsinvaliden, Büchsen­macher, Eisen- und Zinngießer, Steinmetze und Leichenträger anempfohlen. Und nicht zuletzt viele homosexuelle Männer. Dabei war Sebastian nie ein schwuler Heiliger. Aber, so möchte man ergänzen, warum sollte er kein Heiliger für Schwule sein?

Der Legende nach bekannte sich Sebastian, Hauptmann der Prätorianergarde am kaiserlichen Hof, öffentlich zum Christentum, woraufhin ihn Kaiser Diokletian zum Tode verurteilte und von numidischen Bogenschützen erschießen ließ. In dem Glauben, er sei tot, zogen sich die Schützen zurück. Sebastian war jedoch nicht tot und wurde von einer frommen Witwe, die ihn beerdigen wollte, als lebend erkannt und wieder gesund gepflegt. Nach seiner Genesung kehrte er zu Diokletian zurück und bekannte sich erneut zum Christentum. Das abermals ausgesprochene Todesurteil wurde mit der Keule im Circus vollstreckt.

Es sind vor allem zwei Momente, die zu dieser Vereinnahmung Sebastians durch die homo­sexuell Begehrenden beigetragen haben. Einmal die durch die bildenden Künstler im Verlaufe der Kunstgeschichte erfolgte Veränderung von einem älteren christlichen Helden zu einem jugendlich schönen und fast nackten Mann, der mit Pfeilen beschossen wird, also leidet. Dieser seit der Renaissance meist auffallend gering bekleidet und oft sexuell anziehend dargestellte neuere Typus wird zudem nicht selten in lasziver Haltung wiedergegeben. Wahrscheinlich haben deshalb zunächst Frauen und später besonders homosexuelle Männer eine Affinität zu ihm. Zum anderen ist das dargestellte Leiden, das sich manchmal ganz ohne Ausdruck der erduldeten Schmerzen, aber stets in Schönheit vollzieht, wegen seiner eigentümlichen Ambivalenz höchst attraktiv. Ein weiterer, nicht immer so deutlich hervorstechender Moment könnte die Nähe zu sadomasochistischen Tendenzen, in letzter Steigerung also zum Erleben sexueller Lust durch erduldete Schmerzen sein.

Andreas Bee

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